Radio

Aus Zensur Archiv

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Deutschland

Angedrohte Kündigung wegen parodistischer „Stille Nacht“-Musik, Radio Bremen 1972

Dem Pop Shop Moderator Christian Günther, der am 20.12.1972 eine parodistischen „Stille Nacht“-Musik aufgelegt hatte den Plattenteller, wurde mit der Kündigung gedroht, weil er „sittliche und religiöse“ Hörergefühle verletzt habe. (Spiegel 4 1973)

NDR: Spendenaufruf für Chile, 1975

Der NDR wurde den Verantwortlichen in den frühen siebziger Jahren zu politisch: eine Moderatorin (Monika Jetter), die einen Spendenaufruf für Chile gestartet hatte, wurde vorübergehend mit einem Sprechverbot belegt. (Spiegel 23 1975)

NDR: Diskussion um den Paragraphen 218, 1975

Der Moderator Wolfgang Hahn kommentierte die Diskussion mit Kästners "Patriotischem Bettgespräch" ("Wer nicht zur Welt kommt, wird nicht arbeitslos") und spielte anschließend Qualtingers Song von der Engelmacherin. Die CDU protestierte heftig und Hahn wurde beurlaubt. (Spiegel 23 1975)

WDR:"Radiothek", 1975

Insbesondere von der CDU wurde die "Linkslastigkeit" des WDR moniert und eine Neuorientierung gefordert. Als Beispiel wurden Zitate aus der Radiosendung "Radiothek" beigebracht: "Ich stahl, du stahl, er stahl, Kruppstahl" oder "Strauß und alle sein Bazis und die Neo-Nazis, die sind Bayerns größte Plag´." in der Kritik standen ferner Fernsehsendungen des WDR wie der Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers ..." (Rosa von Praunheim)oder "Spätere Heirat nicht ausgeschlossen", in der u.a. ein Homosexueller auf Partnersuche gehen konnte. (Spiegel 17 1975)


Chris Roberts: "Hier ist ein Zimmer frei", 1976

Bei der ZDF-Hitparade wurde das Lied zweimal abgelehnt. Insbesondere die Testzeile: "...endlich zogen wir die nassen Kleider aus, so sah ich das Mädchen plötzlich vor mir steh´n und sagte: du, du , du bist schön" erregte Anstoß. Auch bei einige Rundfunkstationen kam das Lied auf die schwarze Liste. Kommentar eines Redakteurs vom Bayrischen Rundfunk: "Da wird doch gebumst, so was kann ich natürlich nicht senden." (Bravo-Archiv 1976)

Frank Farian: "Rocky", 1976

Der Text um Liebe, Kinderkriegen und Tod galt als Beispiel dafür, dass Schlager sich auch textlich mir realen Problemen beschäftigen. Der Song wurde im Radio vielfach boykottiert. Farian dazu: "Ich war bei den meisten Sendern auf den `Verbotslisten´, die es bei allen Rundfunkanstalten außer bei Radio Bremen gibt. Sowas muss mal gesagt werden. Denn die meisten Schlager-Fans haben gar keine Ahnung, dass es in Deutschland eine ebenso strenge wie schlagkräftige Zensur gibt." (Bravo-Archiv 1976)

Hannes Wader: Boykott, 70er

In den siebziger Jahren geriet Wader in den Verdacht, Kontakte zur RAF zu unterhalten. Daraufhin wurde er von den meisten Fernseh- und Rundfunksendern boykottiert. (Sdt. 23./24.6.2012)

Udo Jürgens: "Aber bitte mit Sahne" und die Gotteslästerung, 1976

"...auf dem Sarg gab´s statt Kränzen verzuckerte Torten, und der Pfarrer begrub sie mit rührenden Worten, dass der Herrgott den Weg in den Himmel ihr bahne - aber bitte mit Sahne" lauteten einige Zeilen aus dem Text. Das brachte Jürgens der Vorwurf der Gotteslästerung in Bayern und im Saarland ein. Dort wurde das Stück von den Sendern nicht gespielt. (Bravo-Archiv 1976)

Bernd Clüver: "Mike und sein Freund", 1976

Der Song handelt von der tragischen Liebe zweier Jungen. Aufgrund der Thematik wurde er sowohl von den Rundfunkanstalten in Hamburg, Stuttgart und Bremen, sowie der ZDF-Drehscheibe abgelehnt. (Bravo-Archiv 1976)

Biermann-Kritik, WDR 1977

Wegen seiner harschen Kritik (u.a. Der „pathetische alte Mann“ aus der DDR, so Baas, sei ein „humorloser, verklemmter, trister Musiker“ der über seinen „belämmerten, beschissenen, reaktionären Texten“ von „befohlenem Publikum vor Begeisterung erdrückt“ werde.) an Wolf Biermann wurde eine Sendung des Kabarettisten Balduin Bass vom WDR gestrichen. (Spiegel 6 1977]]

„Nachtversorgung": Hardrockverbot, 1978

Das gemeinsame Radio-Nachtprogramm bekam in der Bundesrepublik am 1. Juli 1978 neue Richtlinien, die die „Kleine Kommission Nachtversorgung“ erarbeitet hatte. So durfte z.B. zwischen 22.30 und 2 Uhr morgens weder Hard Rock noch moderner Jazz oder Salonmusik gespielt werden. Witze galten als unpassend wie auch aktuelle Informationen. Nach 2 Uhr waren laut Vorschrift der ARD-Nachtwächter Oldies und Evergreens gestattet, keinesfalls aber „vorgefertigte unterhaltende Wortbeiträge“. Nach 4.30 musste es „rhythmische leichte Musik" sein. (Spiegel 21 1978)

Entlassung des Satirikers Henning Venske, 1979

Nach verschiedenen ARD-Anstalten kündigte 1979 auch der Hessische Rundfunk die Mitarbeit. Sprüche wie "Carter ist doch bloß der Geschäftsführer einer Imbißkette von Harrisburgern" oder "Wann endlich kommt die Disco-Version des Horst-Wessel-Liedes auf den Markt, und wer hindert Carstens, das mitzusummen?" galten als "nicht sendefähig". (Spiegel 26 1979)

„Tschüss“-Verbot, Bayern Funk, 1981

Per Rundschrieb verordnete der Sendeleiter des Bayern-Radios, Gerhard Bogner, eine neue Sprachregelung. Stein des Anstoßes war die preußische „Adieu“-Verballhornung „Tschüss“. Ein Sprecher des BR dazu: „Das Rundfunkgesetz sagt in Artikel 4 (I) `Die Sendungen des Bayrischen Rundfunks sollen der Eigenart Bayerns gerecht werden.` Dies ist Gesetz und keine Laune! Also sagen Sie, bitte, nicht `Tschüss` oder ähnliche, zwar eigenartige, aber unbayrische Dinge…“. (Spiegel 12 1981)


Bayernfunk stoppt Dr. Borg, 1983

Beim Südfunk Stuttgart und beim NRD ist er Publikumsfavorit, „Der Frauenarzt von Bischofsbrück“. In Bayern aber wurde die satirische Radioserie über den heldenhaften Kampf des Gynäkologen Dr. Borg gegen die böse Pharmaindustrie gestoppt, nachdem in einigen Episoden der bayrische Ministerpräsident Strauß kritisiert worden war. Vorher war es schon zu zensorischen Eingriffen gekommen, etwa wenn in der Serie „unappetitlich gerülpst“ worden war. (Spiegel 32 1983)

Rosa von Praunheim: "Adonis in New York", 1988

Ärger mit dem Bayerischen Rundfunk bekam von Praunheim wegen seines Hörspiels "Adonis in New York". Eine zart lautmalende Kußszene zwischen Rosa und seinem jungen griechischen Freund wurden herausgeschnitten. Dem Zensur-Eingriff hatte der Künstler notgedrungen zugestimmt, um sein Anti-Aids-Stück vor der Absetzung zu retten. Praunheim ist durch einschlägige Erfahrungen gewitzt: 1973 schaltete sich das bayrische Fernsehen aus dem inzwischen berühmten Frühwerk des Künstlers "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" aus. (Spiegel 39 1988)

Anzeige gegen Radio wegen Ostfriesenwitz, 2011

Weil ein Moderator von Radio ffn in seiner Sendung Ostfriesenwitze erzählt hat, muss sich die Osnabrücker Staatsanwaltschaft mit einer Anzeige wegen Volksverhetzung beschäftigen. Denn ein Ostfriese stellte daraufhin Anzeige bei der Osnabrücker Polizei. Seiner Ansicht nach seien die Ostfriesen als ethnische Minderheit diffamiert worden. Auch nach der Anzeige wollte der Sender nach eigenen Angaben nicht auf Ostfriesenwitze verzichten. (weltonline 15.4.2011)

England

Anstößige Worte für Epileptiker, BBC 2007

BBC regelte 2007 seinen Sprachgebrauch neu: Entfernt wurden Worte, die für Epileptiker beleidigend sein könnten, wie z.B. für brainstorm „thought-shower“. (Guardian Unlimited, 16.12.2007)

Jux-Anruf: „Sex mit der Enkelin“, BBC England 2008

Stein des Anstoßes war eine Sendung, die am 18. Oktober 2008 lief: die hoch bezahlten Moderatoren Russel Brand und Jonathan Ross riefen bei dem 78-jährigen Schauspieler Andrew Sachs an und gaben vor, Brand habe Sex mit seiner 23 Jahre alten Enkelin gehabt. Brand, ein Ex-Junkie, hatte schon vorher Sinn für merkwürdige Scherze gezeigt: er flog beim Musiksender MTV raus, weil er sich nach den Anschlägen vom 11. September als Osama Bin Laden verkleidet hatte. Die Moderatoren wurden nach dem Anruf vorläufig suspendiert. Danach kündigte Brand seinen Rückzug aus der Radiosendung an und übernahm die volle Verantwortung für den Vorfall. Ross entschuldige sich für seinen „dummen Fehler“. (MZ 30.10.2008)

Somalia

Keine Musik in Mogadischu, 2010

Aus Sorge von islamistischen Vergeltungstaten stellten im April 2010 alle 12 Rundfunkstationen Mogadischus die Ausstrahlung von Musik ein. Zuvor hatte eine Rebellengruppe ein Ultimatum gestellt und dazu erklärt, dass die Verbannung von Musik der beste Weg sei, das "Böse zu eliminieren". (Sdt 14.4.2010)

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